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Literaturtipps & Rezensionen

Piero Bianconi: Der Stammbaum. Eine Tessiner Chronik

Piero Bianconi, geboren 1899 in Minusio, starb 1984 an den Folgen eines Verkehrsunfalles. Nach der Lektüre des "Stammbaums" berührte mich dieser Umstand als in seltsamer Weise folgerichtig und konsequent.

Der Stammbaum, im Original "Albero Genealogico", beginnt mit einem Bild, das den Ursprung und Impuls des Romanes bezeichnen soll. Der 66-jährige Bianconi steigt in der Junihitze gemeinsam mit seinem Sohn Filippo, dem Geologen, hinauf ins untere Verzasca-Tal, in dem die Arbeiten an der Talsperre fortschreiten, der "großen, gewalttätige Mauer, die das Tal absperrt." Lärm von Baumschinen, die Rufe der Arbeiter und ein rasend schnelles Hin und Her bestimmen die Szenerie. Des alten Bianchonis Welt ist das nicht, es ist die des Sohnes und zwischen beiden Welten klafft eine Lücke, die an Gewaltigkeit der Staumauer in nichts nachsteht.

Bianconi wandert also allein weiter auf der alten Straße nach Vogorno, die morgen unter Wasser liegen wird. Er betrachtet die verlassenen, schon abgedeckten Ställe, die noch seiner Generation halfen, dem Leben ein paar Krümel abzuringen. Er steht vor den Trümmern des Stalls, in dem hundert Jahre zuvor seine Mutter zur Welt gebracht wurde, aus dem sich die Großmutter während der letzten Schwangerschaftswochen nur heraus begab, um sich eine Handvoll Gras zu rupfen, die sie kochte, um nicht zu verhungern.

Es verwundert nicht, dass Bianconi sich nicht sonderlich heimisch fühlt und an dieser Stelle mißtrauisch proklamiert: "Ich frage mich, zu welcher Welt ich nun eigentlich gehöre, an welcher Welt ich teilhabe, so ohne Verbindung mit der Vergangenheit und ohne Brücken in die Zukunft." Es ist das Schicksal der Zwischengeneration, aufgewachsen in der Jahrhunderte währenden Bergbauernplackerei des Verzasca-Tals, jetzt hineingeworfen in ein touristisches und geschäftiges Tessin, mit Fahrstraßen, Reisegruppen, Granitwerken und Glitzer.

Der Stammbaum ist dann der Versuch, etwas von der Vergangenheit hinüberzuretten, damit es nicht - wie die alten Behausungen vor ihm - ausgelöscht und überdeckt wird von der sich rasant verändernden Zeit, die scheinbar alle Verbindung mit der Vergangenheit abgestreift hat. Das Buch erzählt die Familienchronik der Bianchonis, jener auf dem Kopf stehenden Pyramide, die er beständig mit sich herumzutragen meint. Aus Briefen, vergilbten Fotografien, Schuldscheinen und Kirchenchroniken entsteht ein Bild des mühseligen, von Armut und Hunger, von Zorn und Streit aber auch von guter Arbeit und Liebe zur Heimat geprägten Tessin.

Vor allem erzählt der Roman aber von Auswanderung. Wie in so vielen anderen Tessiner Familien, verließen die Söhne und Töchter zu Dutzenden das Heimattal, das sie nicht mehr ernähren konnte und versuchten ihr Glück in Australien oder Kalifornien. Diese Briefe sprechen von Heimweh, Verbitterung, manchmal von unverhofftem Glück und Freiheit, aber nie von Abenteuerlust.

Während Bianconi in der Wiedergabe sorgsam seine Wurzeln archiviert und konserviert, entsteht für den Leser ein ungemein berührendes und authentisches Bild vom Leben der gottesfürchtigen, manchmal kauzig-starrköpfigen und streitsüchtigen, oft etwas linkischen Bianconis und nebenbei eine Chronik des wahren Tessin. Und das fast ohne Bitterkeit.

Das Buch kann für EURO 23.50 ab den Auslieferungen in Göttingen, Wien oder Affoltern direkt beim Verlag bestellt (s.u.) oder über den normalen Buchhandel bezogen werden (ISBN: 3857914041).

Kai Tippmann

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