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Literaturtipps & Rezensionen

Jonny Rieger: Ein Balkon über dem Lago Maggiore

"Ach, ich weiß, ich weiß... Und mir wird ganz miserabel zumute, wenn ich an den Tag denke, an dem ich meine sieben Sachen zusammensuche, in den Koffer werfe, und von hier abhauen muß. So was dürfte nie aufhören -- hat mir mal ein Mädchen unter ganz bestimmten Umständen erklärt. Nicht so unrecht. Im Jammertal unserer Welt ist die Seligkeit immer nur kärglich kurz bemessen."

Jonny Riegers Reiseerzählung sei jedem ans Herz gelegt, den jemals am Ufer des Lago Maggiore die Ahnung beschlichen hat, er sei mindestens 50 Jahre zu spät angekommen. Jedem, der je morgens um 6 aufstand, um dem Touristengetöse zu entgehen, jedem, der je sein Autokennzeichen verbergen wollte, weil ihm das dümmlich-großkotzige Gebaren seiner Landsleute Übelkeit bereitet, jedem, dem angesichts verlassener Almen und zu Mailänder Sommerresidenzen verkommener Bergbauernhöfe das Herz blutet, jedem, der hinter dem "Heidiland" Verzasca-Tal noch die übertünchte Kulturlandschaft erahnen kann. Jedem, der gern noch den Alten aus dem Schmugglernest Indemini gelauscht hätte und der ohne zu zögern den Monte Tamaro besteigen würde, nur um dem Gewöll der Uferstraße zu entfliehen.

Nur für astreine Nostalgiker also.

Todschicke höhensonnengebräunte Schweizerinnen mit Lippen wie Autoreifen, fast alle Mountainbiker sowie alle, die den See nur aus Karel Gotts unseligem Schlager kennen, können vermutlich mit Rieger nichts anfangen. In-Restaurants finden sich in diesem Buch nicht, keine Tips für "total ursprüngliche" Wochenmärkte und Schnäppchen im Fabrikverkauf, keine Diskotheken, Einkaufszentren, Transportmittel. Keine ADAC-Rufnummern, nicht mal aussagekräftige Wanderrouten. Keine punktgenaue Beschreibung der abzuklappernden touristischen Highlights.

Rieger heute nochmals zu lesen ist Archäologie. Sein gemächlicher Erzählstil läßt die Mittagshitze in einem autofreien Ronco erahnen. Viel mehr, als die echte Mittagshitze in Ronco dies heute vermag. Rieger versteht etwas vom Wandern - er ist Landstreicher gewesen und hat als Auslandskorrespondent einer deutschen Arbeiterzeitung quasi die ganze Welt bereist. Er versteht etwas vom Erzählen und er versteht etwas von den Menschen. Mehr kann man von einem guten Autoren nicht erwarten.

Und lassen Sie sich nicht verführen: Wenn Ihnen Riegers Buch gefällt, fahren Sie bitte nicht ins Tessin.

Kai Tippmann

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